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KenG The International Maglev Board
Joined: 26 May 2009 Posts: 424 Location: München


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Post subject: ICE Stromabnehmer abgerissen - mein Live Report Posted: 24.04.2010 16:34 |
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Es steht noch nicht in der Presse, aber gestern ist der ICE3 in dem ich saß, mit einer Panne stehen geblieben (bei Bnhf.Offingen). Wir wurden in den hinteren Zugteil evakuiert und hatten über 3 ein halb Stunden Verspätung. Ursache war (lt. Aussage über die Bordlautsprecher) ein abgerissener Stromabnehmer. Viele Leute lesen in Zeitungsberichten über solche Panne. Sie können es sich aber bei weitem nicht vorstellen wie so etwas abläuft oder warum es so viel Zeit braucht, das Problem zu beheben. Daher habe ich hier den Verlauf chronologisch verfasst.
(Tut mir leid wegen den teilweise schlechten Foto-Aufnahmen aber mein Kamera-Akku war leer, so dass ich die schlechtere Handy-Kamera nehmen musste).
Ich war auf dem Heimweg und sollte mit dem ICE3 von Mannheim nach München fahren. Ich saß im Wagen 33.
19:32 Uhr
Der Zug fährt von Mannheim ab
21:15 Uhr
Wir verlassen Ulm Bahnhof. Nächster Halt ist Augsburg Bahnhof.
gegen 21:20 Uhr
Ich bin gerade aus der Toilette gekommen, kaum gehe ich einen Meter weiter - ein plötzlich lauter Knall ... naja, mehr ein dumpfer Schlag.... auch wenn ich nichst gespürt habe - der war nicht zu überhöhren. Ich dachte in dem Augenblick, dass es die Toilettenspühlung oder die Pumpe gewesen sein müsste und beginne weiter zu gehen. Im diesen Moment wird die Beleuchtung ganz dunkel. Nur geschätzte 6 bis 8 Leuchtstoffröhren sind noch angeschaltet. Alle anderen sind dunkel, das obere Infodisplay zeigt nichts an, das LCD-Display an der Tür ist pech schwarz. Der Zug wird immer langsamer bis er zum stehen kommt. Es ist mit Ausnahme der Gespräche der Fahrgästen totenstill - auch keine Klimaanlage.
einige Minuten später kommt die erste Durchsage, dass wegen eines technischen defektes sich die Weiterfahrt verzögert. Wie lange dies dauere, könne er nicht sagen. Nach ein paar weitern Minuten geht plötzlich das Licht wieder an, das Display zeigt wieder was und auf dem LCD-Display bei der Tür startet der Windows Boot-Screen. Hurra!, Dann kommt eine Ansage, dass der Stromabnehmer auf dem Wagen 32 einen Schaden erlitten hat und der Zug nicht weiterfahren könne.
Hab zum Spaß die Ansagen auf dem Handy aufgezeichnet (allerdings teilweise nur geschnitten oder es fängt plötzlich in der Mitte an...
... Auf Grund Störung im Triebfahrzeug, bedingt durch den Defekt an einem Stromabnehmerwagen 32 kann ich Ihnen leider noch nicht genau mitteilen, wann sich die Fahrt unseres Zuges fortsetzen wird. Soweit ich hierüber genauere Informationen habe, werde ich sie natürlich informieren. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Einige Minuten drauf, wiederhohlen sie die Durchsage und melden auch, dass die Kollegen vom Notfall-Management informiert worden seien. Wie wir später erfahren, ging das Licht wieder an, weil der zweite Stromabnehmer (ein ICE3 Halbzug hat ja 2 Stromabnehmer) an die Oberleitung angelegt wurde und dieser jetzt unseren Zugteil mit Strom versorgte.
Irgendwann kurz vor 22 Uhr
Wir erhalten die Informationen, dass der Zug nicht weiterfahren kann und
dass, das Unfall-Management entscheiden würden, wie es weitergeht.
Weiterhin bieten sie im Bordbistro Heiß- und Kaltgetränke an. Leider (noch) nicht kostenlos. Ich sehe das Bordpersonal in orangen Warnwesten und Taschenlampen rumlaufen ... kein gutes Zeichen. Ich gehe sehe aus dem Fenster Zugbegleiter die entlang des Wagens gehen. Dann die durchsage, dass wir auf keinen Fall den Zug nicht verlassen sollen.
... Ihnen leider mitteilen, dass wir unsere Fahrt nicht fortsetzen können. Sobalt ich diesbezüglich genauere Informationen habe, werde ich Sie informieren. Dies bezüglich noch ein Sicherheitshinweis. Bitte verbleiben Sie im Zug und steigen Sie nicht aus. Dies dient auch Ihrer eigenen Sicherheit
Irgnedwann noch später ...
Gewissheit. Per Dursage, werden wir informiert, dass der Stromabnehmer einen schweren Schaden erlitten hat und der Zug nicht weiterfahren kann. Wir sollen in den anderen Zugteil evakuiert werden. Wir werden gebeten, in Ruhe unsere Sachen zu packen und zum Wagen 26 zu gehen
Da ich die Durchsage per Sprachrekorder im Handy aufgenommen habe:
... aus technischen Gründen geräumt werden. Wir bitten Sie sich in Richtung Wagen 26 zu begeben, dort wird alles für Ihren Ausstieg vorbereitet. Gehen Sie bitte nun in Ruhe dort hin und benutzen Sie zu ihrer eigenen Sicherheit nur die dort angelegten Treppen. Hier stehen Mitarbeiter der Bahn bereit um Sie beim sicheren Aussteigen zu unterstützen. Dort erhalten Sie auch weitere Informationen. Vielen Dank
Wir wundern uns, weil unser Zugteil (Wagennummer 30 bis 28) defekt ist und der andere intakte Zugteil die Wagennummer 20 bis 28 hat. ... eine Minute später korrigiert der Schaffner es auf Wagen 36.
... Ich korrigiere. Es ist der Wagen 36. Das ist der innerste Wagen hinter dem Bord-Bistro in der Mitte des Zuges. Ich wiederhole noch ein Mal, Wagen 36 in der Mitte des Zuges direkt hinter dem Bord-Bistro
22:58 Uhr, (Uhrzeit vom Foto)
dichtes Gedränge vor dem Wagen 36. Irgendwie warten wir hier völlig umsonst ... einige Fahrgäste setzen sich wieder hin.
23:05 Uhr (Uhrzeit vom Foto)
Der "Evakuierungssteg" wird fertig gehohlt, ausgeklappt und fertig gemacht.
23:14 Uhr (Uhrzeit vom Foto)
Der Steg ist aufgestellt. Ein paar Minuten später beginnt die Evakuierung. Dies geht so ziemlich zögerlich weil jeder drängelt, drückt und schiebt. Man darf nur Rückwärts die Treppe runter, an beiden Handgriffen sich festhalten. Gepäckstücke werden von den Zugbegleitern runtergebracht.
Wieder kurzer Stop. Ein Fahrgast der vor mir steht, sagt uns dass einige Leute nach dem Verlassen des Zuges genau in die entgegengesetzte Richtung gegangen sind - also nicht zum intaktem Zugteil.
Ich geh also auch die Treppe runter, ich werde ermahnt nicht in das Gegengleis zu gehen. So muss ich auf dem Schotter geschätzte drei Wagen entlang gehen, bis ich zur Treppe des zweiten intakt gebliebenen Zugteils gelange. Ich überhohle dabei mehrere Personen die ihre schweren Koffer tragen müssen, da man sie auf Schotter nicht rollen kann.
Vor dem zweitem Zugteil (der unbeschädigt ist), warten viele Reisenden mit Koffern auf dem Schotterbett. Es dauert etwas, bis alle (vor allem ältere Fahrgäste) die Nottreppe hoch steigen.
Ich steige also die Treppe hoch und werde von freundlichen Bahn Mitarbeitern empfangen... "Wilkommen" ... "Wilkommen" .... "Wilkommen" ... .Man merkt, dass sie versuchen die Leute mit guter laune zu empfangen was ich nicht schlecht finde.
Innerhalb der nächsten zwei Wagen ist es jetzt verhältnissmäßig voll. Jeder mit schweren Koffern will nicht lange gehen und suchen. Ein freier Sitzplatz wird sofort besetzt. Ich gehe aber weiter bis ich am Ende des Zuges in ein viel ruhigeres Abteil komme. Es handelt sich um den Steuerwagen wo man auch durch ein Glasfenster in den Führerraum blicken kann wo sich nichts tut.
Kurz vor Mitternacht
Ich gehe noch ein Mal Richtung offene Tür weil ich neugierig war ob der Steg schon entfernt worden sei ... Enttäuschung. Der ist immer noch da und die Fahrt wird wohl noch eine Weile andauern.
Dann kommt die Durchsage, dass im Bordbistro gratis Kalt- und Heißgetränke verteilt werden. Ein Pilgermarsch setzt sich in Richtung Wagen 25 fort. Ich finde dort eine Ansammlung von Menschen im Bordbistro das unfreiwillig zum Talk- und Ratsch Café gworden ist.
Ich gehe zurück in den Endwagen und höre plötzlich Musik. Jemand hat sich dort im Wagenende eingenistet und spielt Cello. Vor ihm, seine Noten. Der hat im Gegensatz zu mir wenigstens eine Beschäftigung ...
Ein anderer Fahrgast erzählt mir, er habe mit dem "Knall" gleichzeitig einen hellen Blitz draußen gesehen. Sprich, der Lichtbogen der durch die 15kV Oberleitung erzeugt wird. Erst als er es danach erwähnt, fällt auch mir auf, dass kein einziger Zug seit dem Vorfall uns überhohlt oder entgegengekommen ist. Die Strecke ist also total geperrt. Weitere Fahrgäste beginnen Detektivarbeit und diskutieren gemeinsam, was passiert sein könnte und wie es vll weitergehen könnte ...
Gegen Mitternacht ...
ich habe beschlossen, aus purer langeweile die Uhrzeit und das geschehen auf einen Zettel zu notieren. Daher ab jetzt die genauen Uhrzeiten ... (Uhrzeiten davor habe ich meist durch die Datei-Tags der Fotodateien ermittelt).
00:05 Uhr
Ansage, das der Turmdrehkran jeden Moment erwartet wird. Dieser muss zunächst den Stromabnehmer des unbeschädigten Zugteiles überprüfen bevor die Fahrt weitergehen kann.
Ich gehe vor zu dem Typen der Cello spiel und frage ihm, ob er nicht das Lied von Titanic spielen kann - das Lied, dass die Bordkapelle im Moment des Unterganges spielte. Leider hatte er aber die Noten dafür dabei.
00:17 Uhr
Hurra! Wir sehen einen gelben Bauzug langsam an uns vorbeifahren (Soweit ich erkennen konnte, ein Modell von der Firma Voith).
00:25 Uhr
Ansage, dass die Techniker jetzt eingetroffen sind und die Überprüfung beginnen würde
00:33 Uhr
Ansage, der Zug würde um 200 bis 300 Meter rückwärts wieder Richtung Ulm fahren um langsam die Funktionstüchtigkeit zu testen.
00:35 Uhr
Hurra! Der Zug rollt!!!. Auch wenn es geschätzte 500 Metern waren, so keimt langsam Hoffnung auf dass wir doch noch zurück in die Zivilisation kommen. Dabei wechselt der Zug per Weiche zum Gegengleis und bleibt dann stehen.
00:42 Uhr
Der Zug rollt langsam weiter und bleibt neben dem defekten Zugteil stehen. Ein drittes Gleis liegt zwischen uns. Auch wenn reinzufällig von meinem Fenster aus der Wagen Nr. 32 zu sehen war (rote Display Anzeige außen), so konnte ich in der Dunkelheit nix vom Stromabnehmer sehen. Ein anderer Fahrgast meint: "jetzt bleibt er neben dem defektem Zug stehen - wohl aus Verbundenheit ...".
Während dessen, zeigt das Info-Display auf der Decke immer noch an, dass wir für Anschlusszüge in unseren gedruckten Papierfahrplänen für den ICE 613 schauen sollten ...
00:44 Uhr
ES GEHT WEITER!!! Unglaublich aber Wahr, der Zug wird immer schneller und schneller und dann endlich erleichterung! Wir sind frei! kurz drauf, entschuldigt sich der Zugchef bei den Fahrgästen und erklärt was vorgefallen ist. Demnach ist der Stromabnehmervom Dach abgerissen und hat einen Schaden in der Oberleitung verursacht. Ein hinter dem ICE fahrender Nahverkehrszug hat dann die beschädigte Oberleitung weit mehr schwer beschädigt. Die Strecke bleibt gesperrt. Die Weiterfahrt habe so lange gedauert, weil die Techniker erst zum Regionalzug hin sind, um die Lage dort zu überprüfen und dann erst zu unserem Zug.
Irgendwann kurz vor Augsburg die Ansage, dass die DB im Service Zentrum Hotelgutscheine austeilt. Alle Hotels in München seien aber bereits wegen einer Messe voll und es gäbe keine freien Zimmer mehr. Sie sagen, dass man in Augsburg aussteigen soll um dort zu übernachten. Wir bekommen Service-Scheine verteilt mit denen wir die hälfte unseres Fahrpreises zurückerstattet bekommen können. Der Bogen hat fast zwei DIN A4 Seiten zum ausfüllen. Auf der Rückseite steht alles erklärt, wie man diesen ausfüllt.
01:54 Uhr
ICH BIN AM ZIEL!!!!, München HBF. Zwar nur der halbe Zug da, aber egal. Planmäßige Ankunft 22:33 Uhr. Verspätung also fast drei ein halb Stunden.
Ich sehe am Service Point des HBF eine riesige Schlange stehen. Zum Glück komme ich hier noch ohne Probleme nach Hause. Muss nur ca. 45 min. auf die S-Bahn warten die auch nur noch fährt, weil Wochenende ist.
02:40 Uhr
Ich bin an der Zielhaltestelle angekommen. Verspätet, aber dennoch froh ...
also, das war mein kleiner Reisebericht .
Grüße
KenG |
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